Studie zur Vereinbarkeit von Ehrenamt und Beruf: Jeder 5. ist ehrenamtlich tätig - Die Frauen halten den Männern den Rücken frei

Ehrenamtler haben völlig zu Recht bei Personalchefs einen guten Ruf: Eine von NRW-Arbeits- und Sozialminister Harald Schartau vorgestellte Studie zur Vereinbarkeit von Ehrenamt und Beruf hat ergeben, dass gerade im Ehrenamt engagierte Menschen meist auch in ihrem Beruf große Einsatzbereitschaft zeigen. Das WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut) in der Hans Böckler-Stiftung in Düsseldorf hat im Auftrag des NRW-Arbeitsministeriums bundesweit mehr als 4.000 abhängig Beschäftigte befragt, hinzu kommen Befragungen unter Ehrenamtlichen in Nordrhein-Westfalen, Interviews mit ehrenamtlich Tätigen und Expertengespräche. Die Ergebnisse sind für Deutschland repräsentativ.

Schartau: "Die Bereitschaft zu ehrenamtlicher Arbeit ist erfreulich groß: Fast jeder 5. Beschäftigte in Deutschland ist ehrenamtlich aktiv, das sind 18 Prozent. Durchschnittlich 15,3 Stunden ihrer Zeit setzen die berufstätigen Ehrenamtlichen im Monat ein - zusätzlich zu Beruf, Familie, Hausarbeit, Pflege von Familienangehörigen und Hobby. Ehrenamtliche müssen also Organisationstalente sein. Das trifft vor allem für Frauen zu und diejenigen, die in Wochenend-, Schicht- und Nachtarbeit tätig sind."

Deutlich wird, dass sich Engagement im Ehrenamt und im Beruf nicht ausschließen. Im Gegenteil: Alle Ehrenamtler leisten häufiger Überstunden als entsprechende Nichtehrenamtliche. Positiv für das Ehrenamt wirken sich flexible Handhabungen der Arbeitszeit aus, wie etwa Überstunden- oder Gleitzeitkonten; eher behindernd sind Nacht-, Schicht- und Wochenendarbeit.
Schartau forderte die Unternehmen auf, ihren Mitarbeitern mehr Anreize für bürgerschaftliche Aktivitäten zu bieten. Der Minister sagte: "Betriebe, die esBeschäftigten ermöglichen, sich sozial zu engagieren, erhöhen damit zugleich die Qualifikationen ihrer Mitarbeiter. Ein solches Engagement fördert Teamfähigkeit, Flexibilität und die Verantwortungsbereitschaft. Ohne die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement gehen Zusammenhalt und soziale Nähe verloren. Deshalb ist die Wirtschaft wie die Politik in der Verantwortung, wenn es darum geht, die Rahmenbedingungen für die Freiwilligenarbeit zu verbessern."

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Immerhin neun Prozent der Befragten haben ihr Engagement auf Grund von Unvereinbarkeiten mit Beruf, Familie und sonstigen Verpflichtungen aufgegeben. Die Palette der möglichen Unterstützung seitens der Betriebe ist groß. Sie reicht von der bezahlten Freistellung über flexible Handhabung der Arbeitszeit bis hin zu informellen Absprachen mit Vorgesetzten und Kollegen, um kurzfristig ehrenamtliche Aufgaben ausüben zu können.
Wie verantwortungsvoll Ehrenamtliche mit ihren besonderen Rechten umgehen, zeigt das Beispiel derjenigen, die über bezahlte Freistellungsrechte verfügen: Immerhin 19 % der berufstätigen Ehrenamtlichen verfügen über ein solches Recht. Aber nur jeder zweite macht davon Gebrauch und dann auch höchstens einmal pro Jahr.

Der Forderung nach mehr Flexibilität müssten sich deshalb auch Verbände, Vereine und Initiativen stellen, so Schartau. Viele Menschen würden sich gern in ihrer Freizeit engagieren, damit aber ungern eine dauerhafte Verpflichtung über einen festen zeitlichen Umfang eingehen.

Der typische Ehrenamtler ist Familienvater, Vollzeit berufstätig mit regelmäßigen Überstunden, überdurchschnittlichem beruflichem Prestige und Einkommen. Ihnen hält meist die Partnerin den Rücken frei für das ehrenamtliche Engagement. Die typische weibliche Ehrenamtlerin ist teilzeitbeschäftigt, lebt in einer Partnerschaft oder Familie, ihr Partner verdient den größten Teil des Unterhalts.

Die Motive für die ehrenamtliche Arbeit sind vielfältig; dazu zählt auch der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung und die Hoffnung auf berufliches Fortkommen, weitere Gründe sind aber auch immer noch Nächstenliebe, Tradition und Selbstverwirklichung.

In der Skala der möglichen Einsatzfelder ehrenamtlich Tätiger stehen an erster Stelle der Sportverein, gefolgt von Kirche, Kultur und Geselligkeit, Politik, Soziales bis hin zur Schöffenarbeit, Gewerkschaften und Katastrophendienst, wie z.B. Freiwillige Feuerwehr und Rettungsdienst.
Frauen über 45 Jahren bevorzugen die Arbeit im kirchlichen Umfeld, Männer unter 45 Jahren den Bereich Rettungswesen/ Katastrophenschutz. In Sportvereinen engagieren sich alle Altersgruppen. Auffallend ist, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der ehrenamtlichen Arbeit gibt, die Unterschiede zwischen Ost und West sind aber nur gering.

Die ehrenamtlichen Potenziale unter Arbeitslosen sind nicht so groß wie bislang immer vermutet. Die Quote der Ehrenamtlichen ist bei den Berufstätigen am höchsten, es folgt die der Rentner und dann erst die der Erwerbslosen. Freiwilligenarbeit ist zumindest aus Sicht der Betroffenen kein Ersatz für Berufsarbeit.

Die Ergebnisse in Zahlen:
- 18 % der abhängig Beschäftigten zwischen 18 und 65 Jahren in Deutschland sind regelmäßig ehrenamtlich tätig.
- Insgesamt 27 % der Befragten können über Erfahrungen im Ehrenamt berichten.
- 20 % der beschäftigten Männer sind ehrenamtlich tätig, bei den Frauen sind es 16 %.
- Westdeutsche Beschäftigte (18 %) sind geringfügig häufiger ehrenamtlich tätig als Ostdeutsche (17 %).
- Durchschnittlich 15,3 Stunden investiert ein Ehrenamtler pro Monat in seine freiwillige Tätigkeit.
- Frauen engagieren sich doppelt so häufig wie Männer in den Bereichen Bildung/Erziehung, Soziales oder Gesundheitswesen/Pflege. Während Männer fünzehnmal häufiger als Frauen in den Bereichen Rettungswesen/Katastrophenschutz engagiert sind und dreimal häufiger in den Bereichen Arbeitsleben/Wirtschaft.

Die Studie "Ehrenamt und Erwerbsarbeit - Zeitbalance oder Zeitkonkurrenz?" kann schriftlich bestellt werden unter Angabe der Veröffentlichungsnummer 1025 bei den Gemeinnützigen Werkstätten Neuss GmbH, Fax: 0 21 31 / 74 50 21 32 oder online unter www.masqt.nrw.de .

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