Heft 1/2001

Forum SOZIAL  ist die Fachzeitschrift und Mitgliederzeitung der Sozialen Arbeit und Praxis.

Heft 1/2001 beschäftigt sich mit “Ehrenamtlichkeit”, sog. “Freiwilligenarbeit” oder auch der “ BürgerInnengesellschaft” - alles Stichworte, die neue Aktualität nicht nur erhalten haben, weil das Jahr 2001 zum Jahr des “Ehrenamtes” erkoren würde.
Aus unserer Sicht verbergen sich unter diesen Stichworte unter- schiedliche Politikansätze: Die Einen sehen Ehrenamt als Möglich- keit, sozialstaatliche Kosten zu senken, die Anderen befürchten eben das und sehen die Profession der Sozialen Arbeit in Gefahr. Für manche verbirgt sich hinter dem Stichwort “Bürgerinnengesellschaft” die Chance Demokratie zu leben und Empowerment zur Veränderung der Gesellschaft zu  motivieren. Skeptiker sehen dagegen in ihr ein Konzept zur Verschleierung der Krise der Arbeitsgesellschaft und befürchten gar, dass die neuen Arbeitsmarktprogramme aus der Freiwilligenarbeit eine neue Form der Zwangsarbeit macht.
In dieser Ausgabe von Forum SOZIAL deuten  wir diese - bekannte - Diskussion  nur an und fragen dagegen nach sinnvollen Verbindungen zwischen Freiwilligenarbeit und Bürgergesellschaft.

  • Peter Albers hat den einleitenden Artikel zu unserem Titel verfaßt. Er verortet unterschiedliche Motive und Kategorien des Ehrenamtes. Seine zentrale These zum Verhältnis von Ehrenamt und Sozialer Arbeit lautet: “Soziale Arbeit ist vor allen anderen Berufsgruppen in der Lage, Menschen zu befähigen, sich für sich selbst und andere einzusetzen. Denn wie haben wir bereits in unserer Ausbildung gelernt: Gute Sozialarbeit macht sich überflüssig, wo immer es möglich und es zu verantworten ist.” Der Artikel ist auf dieser Seite dokumentiert.
  • Der Wissenschaftsjournalist Wolfgang Goede greift die Wider- sprüche zwischen Freiwilligenarbeit und Sozialstaatsabbau auf und setzt dem ein Konzept des Empowerment entgegen.
  • Marion Mohrlock arbeitet als Sozialarbeiterin in den USA und stellt Projekte der Bürgergesellschaft in Zusammenarbeit der Stadtverwaltung von Seattle und großen Unter nehmen vor. Dabei gewinnt das Internet eine besondere Bedeutung.
  • Susanne Elsen ist Hochschullehrerin und diskutiert grund- sätzliche Erfordernisse sinnvollen bürgerschaftlichen Engage- ments. Besonders geht sie auf die gesellschaftlichen Per- spektiven der BürgerInnengesellschaft ein. Dieser Artikel ist auch online verfügbar.
  • Lisa Schmieder arbeitet als Sozialarbeiterin in einer “Frei- willigenzentrale” und berichtet über Stand und Chancen der Vernetzung zwischen Sozialer Arbeit und Freiwilligenarbeit.
  • Stolz sind wir darauf, dass der Präsident der Bundesanstalt, Bernhard Jagoda, unsere letzte Ausgaben ausführlich kommentiert. Er bestätigt, dass ABM ein wirksames Instrument aktiver Arbeitsmarktpolitik ist. Dieser Artikel ist auch online verfügbar.
  • Nicht vergessen möchten wir auf einen Artikel von Andreas Ender zum sogenannten Flughafenasyl in Frankfurt hinzu- weisen.
  • Interessant sind die wieder umfangreichen sozialpolitischen Nachrichten und vor allem die Rubriken Service und Urteile/ Arbeit.

Ehrenamt – Wer zieht wen aus dem Sumpf?

  • Anni A., Beruf: Hausfrau, außerdem: Helferin beim Deutschen Roten Kreuz – ein Ehrenamt.
  • Hille G., Beruf: Geschäftsführerin einer Behinderteneinrichtung, außerdem: Vorsitzende einer Gewerkschaft – ein Ehrenamt.
  • Clemens H., Beruf: Rentner, außerdem: Betreuer nach dem Betreuungsgesetz – ein Ehrenamt.
  • Angela M., Beruf: Mitglied des deutschen Bundestages, außerdem: Vorsitzende einer großen Partei – ein Ehrenamt.

Vier Menschen, vier Ehrenämter – sie sind nicht repräsentative Beispiele für die Vielfältigkeit ehrenamtlicher Arbeit, die in Deutschland geleistet wird.

18 % der BundesbürgerInnen über 15 Jahre leisteten 1996 ehrenamtliche Arbeit. Die viel zitierte Krise des Ehrenamtes lässt sich kaum belegen. Vorhandene Zahlen deuten darauf hin, dass mehr Menschen bereit sind, ehrenamtliche Arbeit zu leisten. Das Engagement hat insgesamt zugenommen: 40,6 % Prozent der Männer (Ost 31,2 %) und 29,6 % der Frauen (18,8 %) beteiligen sich  – so das sozio-ökonomische Panel
1996 – ehrenamtlich, ein deutlicher Anstieg gegenüber 1985 (33,0 % (25,9 %), 18,4 % (16,3 %)).

Allerdings haben sich Bereiche, Themen und Inhalte ehrenamtlicher Arbeit genauso verändert, wie die Interessen der Engagierten selbst. Damit ist zugleich ein Problem in der Diskussion um das Ehrenamt benannt: DAS Ehrenamt gibt es nicht.

Ob den jeweils diskutierten Zahlen zu trauen ist und was sie bedeuten, weiß keiner. So sollen 1986 200.000 Menschen in der Jugendarbeit aktiv gewesen sein, 1998 waren es dann eine Million. Nur  - im genannten Zeitraum ist nicht das Engagement gewachsen, vielmehr wurde die Definition von ehrenamtlichen Engagement verändert.

Die Einschätzungen darüber, was unter ehrenamtlicher Arbeit zu verstehen ist, gehen weit auseinander.
So wurden in einer Studie des Statistischen Bundesamtes die unentgeltlichen Leistungen privater Haushalte untersucht. Bei der Auswertung, so die Bundesregierung, wurde zwischen Ehrenamt (Wahrnehmung von Aufgaben innerhalb von Institutionen, Verbänden, Vereinen, die über die einfache Mitgliedschaft hinausgehen) und sozialer Hilfe (Betreuung und Pflege von Personen im Rahmen z. B. von Kirchen und Wohlfahrtsorganisationen) unterschieden. Damit fielen jedoch viele Tätigkeiten unter den Tisch, die von der Bevölkerung unter dem Begriff Ehrenamt verstanden werden.

Frauen und Ehrenamt

Und: natürlich sind es Frauen, die in diesen Bereichen tätig sind und deren Arbeit – wieder einmal – vernachlässigt wird.
Reher, Liebig und Rauschenbach fanden heraus, dass sich Frauen in hohem Maße in Vereinen, Verbänden und sozialen Diensten engagieren und dort Prozentpunkte gegenüber den Männern gutmachen, während der Anteil der Männer im politischen Bereich stärker gewachsen ist. Männern gelingt es in der Regel, ihr ehrenamtliches Engagement mit Status und Bedeutung zu verbinden. Die Männer managen und die Frauen machen. Auch hier zeigt sich, dass die oben genannten Ehrenamtlichen nicht repräsentativ ausgewählt sind.
Viel schärfer wird dies von Gisela Notz beschrieben: Vor allem Frauen leisten ehrenamtliche Arbeit „als (unbezahlte) Arbeit oder (sozial ungeschützte) Dienstleistung. (...) Ohne ehrenamtliche Arbeit würde das System der sozialen Dienste zusammenbrechen. Damit blieben die sorge- und hilfebedürftigen Menschen unversorgt.“

Antwort auf die Krisen

Hier deutet sich an, was von Seiten der Politik immer wieder ins Gespräch gebracht wird. „Die große Herausforderung, den Staat wieder auf den Kernbereich seiner Aufgaben zurückzunehmen, kann nur mit mehr Bürgersinn gelöst werden.“ Sie wollte (und will) den Status-Quo, also die Ab- hängigkeit des Sozialsystems von der Ehrenamtlichkeit, nicht nur erhalten, sondern die Ehrenamt- lichen mobilisieren, um das Sozialsystem noch weiter abzubauen.
Ist das Ehrenamt eine Antwort auf die Krise, fragt Notz in ihrem Essay „Die Neuen Freiwilligen“ und sieht dabei vor dem Ehrenamt ganz andere Bereiche in der Krise, auf die das Ehrenamt keine Antwort geben kann, auch wenn PolitikerInnen dies noch so sehr wünschen.

- Krise „Sozialstaat“:
Zunehmend weniger Menschen leisten ihren Beitrag zum Erhalt des Sozialstaates, auf der anderen Seite gibt es immer mehr EmpfängerInnen von Leistungen. „Hinter der Diskussion um die Krise des Sozialstaats verbirgt sich ein Verteilungskampf“.

- Krise „Familie“:
Immer mehr Menschen gehen alleine durchs Leben. Wo Familien bestehen, verlassen Frauen die angestammten Orte, während Männer nicht bereit sind, „die entstehenden Lücken zu füllen.“

- Krise „Arbeit“:
Die (industrielle) Arbeit geht aus. Für die Arbeit in der Informationsgesellschaft sind die Überflüssigen nicht zu gebrauchen.

- Krise „Normalarbeitsverhältnis“:
Früher war es doch so einfach: der Mann ging arbeiten, die Frau war zu Hause und leistete unbezahlte und ehrenamtliche Arbeit. Heute wollen beide bezahlt arbeiten, Jobs stehen aber nicht unbegrenzt zur Verfügung, sie sind befristet, mit geringerer Stundenzahl etc.

Und als Krisenretterin steigt die ehrenamtliche Arbeit als Bürgerschaftliches Engagement, als quasi-bezahlte Bürgerarbeit aus der Asche auf. Sie wird von Beck empfohlen für „Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, Jugendliche vor, neben und nach der Berufsausbildung, Mütter nach der Erziehungsphase, älteren Menschen im Übergang in den Rentenstand, Teilzeiterwerbstätige, vorübergehend aus der Erwerbsarbeit ausgestiegene“. Also im Grunde für alle die Menschen,  für die der Sozialstaat und die Politik keine Antworten parat haben.
In der praktischen Sozialpolitik, die vermehrt Arbeitslose und Sozialhilfeberechtigte in „gemeinnützige Arbeit“ zwingt, setzt sich Bereits dieser Ansatz der erzwungenen „Ehrenamtlichkeit“ durch.

Kategorien von Ehrenamt

Dem ehrenamtlichen oder bürgerschaftlichen Engagement wirdr jedoch unrecht tun, wenn es nur als politisch instrumentalierter Ersatz für sozialstaatliche Zuständigkeit gewertet wird.
Um über das Thema sachgerecht diskutieren zu können, kann im sozialen Bereich zwischen drei Ansätzen im „Ehrenamt“ unterschieden werden, wobei es jedoch zahlreiche Überschneidungen gibt:

  • Es geht hauptsächlich von innen nach innen: Ich beschäftige mich aufgrund eigener Betroffenheit mit mir selbst und suche dabei die Verbindung zu Anderen, im Focus steht der Wunsch der gemeinsamen Bewältigung eines persönlich erlebten Problems und um den Wunsch, selbst „gekonntes“ weiter zu geben Selbsthilfegruppen.
  • Es geht hauptsächlich von außen nach außen: Auf der Basis eines persönlichen Interesses suche ich „Verbündete“, Menschen die gleiche oder ähnliche Interessen haben. Ziel ist die Veränderung einer Situation, um die gemeinsamen Interessen einzulösen Interessenvertretung z.B. in Initiativen und Verbänden
  • Es geht von außen nach außen: Ich helfe anderen durch eigenes Tun oder über eigenes Geld. Ich suche die Verbindung zu Anderen aus den unterschiedlichen Gründen heraus, die dem Motiv des „Helfen“ zugrunde liegen können– Helfergruppen.

Gemeinsam ist allen dreien der Ausgangspunkt in der persönlichen Motivation und in der Kommunikation mit Anderen.

Selbsthilfegruppen und Gruppen in der Interessenvertretung haben viele gemeinsame Ansätze, es geht um das eigene „Empowerment“ – ob in Verantwortung zur persönlichen z.B. gesundheitlichen Situation oder in Verortung zur Situation im Gemeinwesen ist dabei nicht der zentrale Aspekt. Erfolg und Anerkennung vermitteln sich über Fähigkeiten zur Krisenbewältigung, zur Gestaltung des Alltags oder auch zur Veränderung des Lebensumfeldes.

Sehr viel schwieriger stellt sich dagegen die Tätigkeit der Helfergruppen dar. Hier steht der „Lohn“ am Anfang der Überlegung, egal ob er nun in „Bürgermark wie Dömak, Batzen, Talenten“ ausgezahlt wird. Hier ist der Anreiz, willst du dafür ehrenamtlich tätig sein?

Steht dieser Lohn in Konkurrenz zur Entlohnung für Professionelle Soziale Arbeit? Ist das das Problem ehrenamtlicher Arbeit, „weil es sich letztlich um eine Arbeit handelt, die jenseits von Amt und Ehre geleistet wird“?

Ehrenamt im Sozialen Bereich

Damit finden sich in der Abgrenzung und Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen im Sozialen Bereich besondere Probleme.
Vielfach herrscht noch die Meinung vor, die Professionelle Soziale Arbeit könne von jedem und jeder übernommen werden. Und tatsächlich ist ein Nebeneinander in manchen Arbeitsfeldern, z. B. im Betreuungsbereich oder in der SPFH, möglich und oft sehr problematisch. Wenn der Kinder- schutzbund in Baden-Baden in wenigen Stunden zu SPFH-MitarbeiterInnen ausbildete Ehrenamtler einsetzt, so kann deren Einsatz leicht unverantwortlich werden..
Auf der anderen Seite müssen sich manche SozialarbeiterInnen auch die Instrumentalisierung von Ehrenamtlichen vorwerfen lassen, die für ungeliebte Dinge missbraucht werden.
Und in anderen Bereichen wiederum ist die Arbeit der Ehrenamtlichen nicht durch die der Pro- fessionellen zu ersetzen. So sind die Vorteile des besonderen Ansatzes, Nutzen und Bedeutung von Selbsthilfegruppen heute unbestritten.

Dies sind zugleich Facetten einer ganz anderen Frage. Sind wir in der Lage, das Selbst- Hilfepotential unserer KlientInnen wirklich wahrzunehmen? W. Nodes hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass der Beschäftigte in Folge seines Hilfeauftrages gegenüber dem Klientel Haltungen entwickelt, „die diesen Auftrag aufgreifen und zu einer Differenz in der Einschätzung zwischen dem Klientel und jeweiliger Gesamt-Gruppe“ führen. Für viele SozialarbeiterInnen ist der Klient von dem Moment an insgesamt hilfebedürftig und wenig handlungsfähig, wenn er die Beratungsstelle betritt.

Soziale Arbeit ist also aufgefordert, noch mehr die Ressourcen des Klientel zu fördern. Und zum Klientel gehören auch die Ehrenamtlichen. Hiermit verbindet sich auch die deutliche Forderung, Selbsthilfegruppen und Interessenvertretung zu unterstützen. Der Lehrsatz aus dem Konzept des Community Organizing in den USA könnte auch für viele Bereiche der Sozialen Arbeit in Deutschland äußerst hilfreich sein: „Tue nichts für Andere, was Andere für sich selbst tun können.“

Diese Forderungen finden sich auch in den Artikeln des Schwerpunktes wieder. Wir gehen nicht auf die Frage, wohin geht es mit dem Ehrenamt, ein. Wir stellen Ansichten und Projekte vor, die nach Anschlüssen der Sozialen Arbeit zum bürgerschaftlichen Engagement fragen.

Denn die Menschen, die sich um anderer Anerkennung willen, als der des schnöden Geldes wegen mit anderen auseinandersetzen, Dinge in Bewegung bringen, kulturelle Werte schaffen und engagieren, sind auch Hoffnung für ein Stück Demokratisierung.

Soziale Arbeit ist vor allen anderen Berufsgruppen in der Lage, Menschen zu befähigen, sich für sich selbst und andere einzusetzen. Denn wie haben wir bereits in unserer Ausbildung gelernt: Gute Sozialarbeit macht sich überflüssig, wo immer es möglich und es zu verantworten ist.                                                                                                                       Peter Albers

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(Zusätzlich: enthält die Artikel von Peter Albers, Susanne Elsen und ergänzend von Horst Baunmann zum Thema “Ehrenamt”).

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